Echte Geschichten
„Du bist nicht allein“ – sechs Erfahrungsberichte zum Kinderwunsch
Lesedauer: ca. 8 Minuten
Wenn der Kinderwunsch nicht so läuft wie erwartet, fühlt man sich schnell allein – zwischen Wartezeiten, Arztterminen und dem Gefühl, niemanden zu haben, der es wirklich versteht. Jede Geschichte, die jemand teilt, der denselben Weg gegangen ist, nimmt ein bisschen von diesem Gefühl. Hier liest du drei echte Auszüge aus dem Buch „Einfach Kinder kriegen“.
Keine Geschichte gleicht der anderen. Und genau das ist der Punkt.
Clara
Wie viele Fehlgeburten braucht ein Wunschkind?
Wir haben oft darüber gesprochen, wie wir uns ein gemeinsames Leben vorstellen. Wir beide und viele Kinder. Wir, wie wir im Garten grillen und die Kinder toben, im Urlaub am Strand Sandburgen bauen. Lange Tafeln im Garten unter großen schattenspendenden Bäumen mit einer Horde Kinder, erst klein, dann jung und wild und später groß mit eigenen Partnern und eigenen Kindern.
Wir wollen im Sommer heiraten, bei schönem Wetter und strahlendem Himmel.
Zwar ist es noch einige Monate hin, aber ich kann ja trotzdem schon mal die Pille absetzen, ich werde schon nicht gleich schwanger werden.
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Gesagt, getan. Der Sommer kommt. Wir feiern eine rauschende Hochzeit, ich bin rank und schlank, es ist kein Bäuchlein zu sehen. Der Herbst mit seinem bunten Laub zieht vorüber.
Weihnachten steht vor der Tür, und während der Weihnachtsvorbereitungen fällt mir auf, dass es mit Kindern doch schön wäre. Bald bin ich mit meiner Krebsvorsorge dran, dann spreche ich das bei meinem Gynäkologen an.
Schon ist der Frühling da. Die Krokusse und Narzissen blühen gerade, als ich zu meinem Termin beim Gynäkologen fahre. Ein schöner Tag – kalt, aber die Sonne scheint. Da wird mir bewusst, dass ich die Pille bereits vor über einem Jahr abgesetzt habe und noch nichts passiert ist.
Das Jahr ist so schnell vergangen. Beim Arzt das übliche Prozedere: Ultraschall, Abtasten, Abstrich. Ich bin noch nicht mal wieder angezogen, da will der Arzt schon wieder raus. Ich bitte ihn um ein kurzes Gespräch. Erzähle von einem erfüllten Sexualleben, aber dem Ausbleiben einer Schwangerschaft.
Er drückt mir eine Diagrammvorlage in die Hand und sagt, ich solle täglich meine Temperatur messen und in die Vorlage eintragen und an jedem Tag mit Geschlechtsverkehr ein Kreuzchen machen. Das war’s. Gesprächsdauer drei Minuten. Also fahre ich nach Hause und habe einen Plan.
Zugegebenermaßen lasse ich das mit der Temperaturmessung nach einigen Tagen. Irgendwie ist es unangenehm, und so wichtig kann es ja nicht sein.
Ein halbes Jahr später lasse ich mir wieder einen Termin bei meinem Gynäkologen geben und bitte um ein Gespräch. Zwar habe ich keine Temperaturkurve, aber einen Zettel voller grüner Kreuzchen. Der Arzt überweist mich an einen anderen Gynäkologen, der ambulante Eingriffe vornimmt, um die Eileiter untersuchen zu lassen.
Es dauert zwei Monate, bis ich einen Termin bekomme. Der Eingriff, eine Laparoskopie und eine Hysteroskopie, wird unter Narkose vorgenommen. Ich fühle mich unwohl. Ein mulmiges Gefühl überkommt mich. Aber gut, wenn das der Weg ist, dann gehe ich ihn eben. Nach dem Eingriff bin ich noch völlig benommen, trotzdem gibt es ein Gespräch, an das ich mich im Nachhinein überhaupt nicht erinnern kann. Der Bericht kommt mit der Post. Der linke Eileiter ist zu, die Verklebungen im rechten Eileiter konnten gelöst werden. Damit lasse ich mir erneut einen Termin bei meinem Gynäkologen geben. Es wurde auch eine Curettage vorgenommen. Das war vorher so nicht besprochen. Aber ich widerspreche nicht, weil ich daran glaube, dass der „Gott in Weiß“ das Richtige für mich tun wird.
Mein Gynäkologe ist zufrieden und empfiehlt mir, weiterzumachen wie zuvor, da das Problem nun behoben sei. Ich bin noch jung und bestimmt tut sich bald etwas. Ich bin 33.
Claras ganze Geschichte – künstliche Befruchtung (IVF mit ICSI), Fehlgeburten und der Weg zum Wunschkind – liest du im Buch.
Kathrin
ICSI in Deutschland oder Eizellspende im Ausland?
Es ist so weit! Wir starten mit dem Nachwuchs! Mein Mann Heiko ist endlich bereit dazu, und ich glaube, wir sind bestens vorbereitet. Das Haus steht, wir sind verheiratet und das Geld für ein zweites Jahr Elternzeit ist ebenfalls gespart. Jobtechnisch sind wir beide nun unbefristet angestellt und gut eingearbeitet. Ich bin so aufgeregt und glücklich, dass ich mich erst mal einlesen muss, wie ich das Ganze etwas unterstützen könnte. Ich überlasse lieber nichts dem Zufall, schließlich habe ich jetzt lange warten müssen, bis mein Mann sicher war, dass es auch von seiner Seite aus starten kann. Wir verhüten immer doppelt, damit sich jeder auf seine Variante verlassen kann und hinterher niemand Schuld hat, wenn es zu einer ungeplanten Schwangerschaft kommt. Also lasse ich nun die Pille weg, die ich knapp zehn Jahre ohne nachzudenken genommen habe. Oh, was lese ich da: „Die Pille ist eigentlich nicht gut für den Frauenkörper und braucht somit mindestens zehn Jahre, bis der Hormonhaushalt im Körper wieder in Fahrt ist und selbstständig gut arbeitet.“ Oje, das hätte ich wohl eher lesen müssen, na gut, dann ist es umso ratsamer, wenn ich die Pille nun absetze. Hoffentlich dauert es nicht wirklich zehn weitere Jahre … Die Kondome lassen wir nun auch weg. Ich bin erst 28 Jahre, was soll da schiefgehen?
Da ist sie wieder, meine Menstruation! Schon drei Monate in Folge. Das habe ich mir leichter vorgestellt. Ich kenne schließlich eine Menge Freundinnen, die ihre Kinder durch „Unfälle“ bekommen haben. Ich durchforste also nochmal das Internet und lese mich tiefer in die Materie ein. Aha, ich kann die Temperatur messen, um den optimalen Zeitpunkt für den Eisprung genauer zu bestimmen. Noch besser: Ich kann damit sogar das Geschlecht beeinflussen, schließlich finden wir beide, dass ein Mädchen klasse wäre. Also am besten ein paar Tage vor dem Eisprung Geschlechtsverkehr, damit nur die Spermien mit weiblichem Trägergut noch übrig sind. Alles klar, ich kaufe mir ein Thermometer, und als Fan von Tabellen und Listen drucke ich mir gleich ein paar Zettel für meine Temperaturkurven aus, und los geht’s. Meine Motivation nimmt volle Fahrt auf und ich fühle mich bestens informiert. Heiko dagegen hat sich das wohl romantischer vorgestellt. Er will gar nicht über das Thema reden und es lieber auf sich zukommen lassen. Drei weitere Monate bzw. Zyklen später – ja, am besten nenne ich sie lieber in meiner neuen Zeiteinheit: Zyklen – sind wir immer noch nicht schwanger.
Laut meinen Kurven ist es etwas holprig, aber ich kann da durchaus einen Eisprung hineininterpretieren. Ich bin etwas nervös, schließlich beschleicht mich schon seit Längerem das Gefühl eines ziemlichen Zeitdrucks. Liegt es nur daran, dass ich schon mit 20 am liebsten sofort drei Kinder gehabt hätte, oder einfach nur daran, dass ich so lange geduldig sein musste und es in jedem kitschigen Film und bei Freunden immer sofort funktioniert? Heiko nimmt meine Bedenken und auch Ängste gleich ernst und schlägt vor, dass wir beide einen Termin beim Frauenarzt und Urologen machen sollen. Gesagt, getan. Denn wie schon erwähnt, ich überlasse da nichts dem Zufall, und es fühlt sich besser an, wenn man die Dinge selbst in die Hand nimmt.
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Meine Frauenärztin ist nett und verständnisvoll, gibt mir aber auch gleich das Gefühl, dass es viel zu früh für einen solchen Termin ist und sie für diese Gespräche keine Zeit hat. Es sei völlig normal, wenn zwölf Zyklen lang keine Schwangerschaft eintrete und dass erst nach einem Jahr erfolgloser Versuche weitere Schritte unternommen werden müssten.
Was Kathrin nach diesem Termin erlebt hat – und warum sie sich später für eine Behandlung im Ausland entschied – liest du im Buch.
Jenny
IVF oder alternative Wege wie Adoption & Dauerpflege
Ich mag meinen Job, allerdings ist es aktuell wirklich verrückt. Vier Projekte gleichzeitig sind trotz eines großartigen Teams eine Herausforderung, selbst für einen kleinen Workaholic wie mich. Ach egal, es sind ja nur noch drei Wochen bis zum Urlaub! Ob mein Mann sich genauso freut wie ich, weiß ich allerdings noch nicht, denn zehn Tage mit den Schwiegereltern können schon etwas herausfordernd sein. In meiner Welt existieren nur folgende Gedanken: Zurück nach Kanada, meine Freunde sehen, raus aus dem Büro und ab in die Natur. Wie vermisse ich die Berge und das Meer!
Aua! Irgendwas war komisch heute. Irgendwie hatte ich schon die ganze Zeit so ein Ziehen in der Magengegend. Heute Morgen hatte ich leichte Schmierblutungen. Meine Tage kommen sowieso, wie sie wollen, daher achte ich meist nicht so darauf, wann ich sie das letzte Mal hatte. Irgendwie zwickt es während der Periode ja immer. Wird schon nix sein. Ich habe jetzt sowieso keine Zeit … ich muss mit Philipp nochmal den Projektplan durchsprechen.
Langsam kann ich es nicht mehr ignorieren. Die Schmerzen werden stärker und ich habe kalten Schweiß auf der Stirn. Gefühlt kann ich kaum noch sitzen. Wo ist meine Kollegin? Mist, weit und breit nicht zu sehen. Dann muss ich doch die externen Beraterinnen um Hilfe bitten. „Eva, kannst du mal kommen? Irgendwas stimmt nicht!“
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„Was ist los? Du siehst ja schlimm aus!“
Mühsam antworte ich: „Danke, so richtig toll fühle ich mich auch nicht. Ich habe meinen Papa angerufen, der soll mich abholen. Nur glaube ich nicht, dass ich es alleine schaffe, meine Sachen zu packen, und ich hab Angst, dass ich unterwegs zusammenklappe. Mein Kreislauf spielt, glaube ich, auch nicht so richtig mit.“
Komisch, denke ich mir. Ich habe wirklich NIE Kreislaufprobleme. Und das hier fühlt sich überhaupt nicht gut an.
Als ich den Gesichtsausdruck meines Papas sehe, wird mir klar, dass ich wirklich nicht so prickelnd aussehe. „Hallo Papa, ich glaube, wir müssen ins Krankenhaus fahren.“ Mein Papa ist kein Mann großer Worte und ohne weitere Fragen fährt er los. Ich riskiere einen Blick in den Spiegel und sehe, dass sich kleine Schweißperlen auf meiner Stirn gebildet haben.
„Hmm, also Sie sind ein bisschen schwanger.“
Was soll das heißen, denke ich. Das mit den Bienen und den Blümchen hatte ich schon verstanden. Nur ein „bisschen schwanger“ kam da nicht vor. Entweder war man es oder nicht.
„Na ja, Ihr HCG-Wert ist zwar erhöht, jedoch liegt bei Ihnen eine Tubargravidität vor.“
„Eine was?“
„Eine Eileiterschwangerschaft.“
Eileiterschwangerschaft? Was soll das denn sein? Die Frage hat die Ärztin wohl auch meinem Gesicht angesehen, denn sie ergänzt: „Das Ei ist nicht dahingewandert, wo es hinsollte, sondern im Eileiter stecken geblieben.“
„Oh, das hört sich irgendwie nicht so gut an.“
„Das ist es leider auch nicht. Wenn das Ei dort verbleibt, kann es sein, dass der Eileiter platzt und Sie innere Blutungen bekommen. Wir werden versuchen, den Eileiter auszuschaben und ihn zu retten.“
„Man kann also nichts machen?“ Und während ich die Frage stelle, wird mir klar: Es gibt kein Baby. Das hier ist das Ende, bevor es überhaupt richtig angefangen hat. Verhütet hatten wir schon zwei Jahre nicht mehr, aber so richtig drauf angelegt, schwanger zu werden, haben wir es auch nicht.
Jennys Weg von der Eileiterschwangerschaft hin zu Adoption und Pflegekind liest du im Buch.
Was diese drei Geschichten verbindet
Clara, Kathrin und Jenny haben unterschiedliche Wege gewählt. Aber sie alle kennen dasselbe Gefühl: Das Warten. Das Fragen. Das Hin-und-Her zwischen Hoffen und Loslassen.
Geteilte Erfahrungen helfen nicht, weil sie Lösungen liefern. Sie helfen, weil sie zeigen: Es gibt nicht nur einen richtigen Weg. Und du musst ihn nicht allein gehen.
Hinweis: Diese Geschichten geben persönliche Erfahrungen wieder und ersetzen keine medizinische Beratung. Bitte sprich mit deiner Ärztin, deinem Arzt oder einer Kinderwunschberatungsstelle.